Die Sartorius AG will nach dem Umzug auf ihren Campus im Industriegebiet Grone am alten Standort nicht nur den „Schlüssel über den Zaun werfen“. Mit der Life Science Factory entsteht an der Weender Landstraße ein europaweit einzigartiges Gründerzentrum.

Text: Ulrich Drees | Visualisierung: HAMBURG TEAM/bloomimages

„Wir wollten den Genius Loci aufgreifen“, beschreibt Joachim Kreuzburg, Vorstandsvorsitzender der Sartorius AG, das Projekt, das Ende August auf einer Pressekonferenz in einer der historischen Fertigungshallen des alten Sartorius-Standortes, Göttinger Nordstadt zwischen Daimlerstraße, Annastraße und Weender Landstraße, bekannt gegeben wurde.

Tatsächlich entspricht die geplante Life Science Factory dem „Geist des Ortes“ des Areals in der Göttinger Nordstadt in ganz besonderer Weise. Denn nachdem das 1870 in der Groner Straße gegründete Unternehmen seinen Betrieb zeitweise nach Rauschenwasser bei Bovenden verlagert hatte, kehrte es 1899 auf ein Grundstück an der Weender Straße zurück, das damals am nördlichen Stadtrand Göttingens lag. Hier entwickelte sich dann auf ca. 22.000 m² ein ausgewachsener Industriestandort mit Fertigungsanlagen und Verwaltungsbereichen, der jetzt als Sartorius Quartier auf seine zukünftige Nutzung zusteuert.

Und wo seit 119 Jahren kontinuierlich geforscht und entwickelt wurde, soll dies nun auch weiterhin geschehen. Ganz im Sinne der für das Sartorius Quartier ausgegebenen Leitidee „Bilden, gründen, wohnen“ gab der Sartorius-Vorstandschef die Gründung der Life Science Factory in Form einer gGmbH, also einer gemeinnützigen, nicht auf Gewinnerzielung ausgerichteten Gesellschaft mit beschränkter Haftung, bekannt. Die Life Science Factory fügt sich damit als wichtige Komponente in die bisher bekannten Bausteine des Sartorius Quartiers ein.

Gesundheitscampus >>> Zu diesen gehört beispielsweise der Gesundheitscampus, der bereits seit 2016 auf dem Areal angesiedelt ist und sich in Zukunft über die drei historischen Gebäude, die nur noch mit einer Fassade erhaltene Sheddachhalle und weitere Neubauten an der Annastraße erstrecken soll. Die HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen und die Universitätsmedizin Göttingen haben hier ein Studienangebot etabliert, das auf die Schaffung neuer Berufsbilder und erweiterter Qualifikationen für bestehende Berufe im Sinne einer bedarfsgerechten Gesundheitsvorsorge ausgerichtet ist. Zum Wintersemester 2016/2017 hatte der Gesundheitscampus Göttingen (nun) seinen Betrieb aufgenommen. Waren es zum 1. Semester noch 50 Studierende, sind dort inzwischen 200 Studienplätze belegt, und dauerhaft erscheinen bis zu 600 Studierende wahrscheinlich.

Mit spezifischen Studiengängen und Qualifizierungsangeboten sollen beispielsweise Bildungskarrieren für Berufe aus dem Bereich der Gesundheitsversorgung, wie z. B. der Pflege, durchlässiger gestaltet werden, aber auch gemeinsam mit Klinikträgern, Wohlfahrtsverbänden und Kommunen demografiefeste Personalentwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die und in der Region Südniedersachsen etabliert werden. Attraktive Bildungswege und Beschäftigungsmöglichkeiten binden hier Arbeitskräfte an die Region, und darüber hinaus wird in einem interdisziplinären „Thinktank“ an der Entwicklung einer zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung geforscht. Darüber hinaus unterstützt der Gesundheitscampus im Rahmen des„NeSt“-Projektes Geflüchtete und Menschen mit Zuwanderungsbiographien auf dem Weg zu gesundheitsbezogenen Studiengängen.

SNIC >>> Auch der SüdniedersachsenInnovationsCampus (SNIC) hat eine Heimat auf dem Areal des Sartorius Quartiers gefunden. Im Rahmen des SNIC kooperieren die Hochschulen der Region, die Landkreise Südniedersachsens und die Stadt Göttingen mit ihren Wirtschaftsförderungen, die Handwerkskammer sowie über 20 Partner aus der Wirtschaft – die von der IHK Geschäftsstelle Göttingen vermittelt werden konnten – unter dem Dach der Südniedersachsenstiftung. Ziel des Projektes ist es, anwendungsbezogene Forschungsergebnisse über eine finanziell und personell unterstützte Technologieberatung für regionale Unternehmen nutzbar zu machen und so das Potenzial der südniedersächsischen Hochschulen als Innovationsinkubatoren zu stärken.

Wohnen >>> Doch damit noch nicht genug. Das ehemalige Sartorius-Werksgelände soll in Zukunft auch Wohnraum für ca. 800 Menschen bieten. Geplant sind rund 125 Mietwohnungen und 90 Eigentumswohnungen in Größen von 1 bis 4 Zimmern sowie eine Kindertagesstätte und die Ansiedlung passender Gewerbebetriebe. Unter allen Neubauten wird dabei für ausreichenden Parkraum gesorgt – Tiefgaragen mit Platz für 340 Fahrzeuge sind geplant.

Hinzu kommen noch ein Hotel mit 123 Zimmern und 114 sogenannte Smart-Apartments. Über deren Betrieb wurde ein über 20 Jahre laufender Pachtvertrag mit der FREIGEIST & FRIENDS Hotelgesellschaft aus Nörten-Hardenberg geschlossen. Die Smart-Apartments – komplett möbliert und mit kleiner Küche – sind dabei für ein Wohnen auf Zeit konzipiert und mit dem Service der Hotelgesellschaft verbunden. Beides fügt sich in die aktuelle Neu-Strukturierung der Göttinger Hotelbranche ein (vgl. „Wie viele Betten braucht Göttingen?“ auf www.charakter-magazin.de).

Insgesamt geht es beim Sartorius Quartier um ein Projektvolumen mit einer Bruttogeschossfläche von ca. 44.680 m² und eine Investitionssumme von ca. 116 Mio. Euro. Verantwortlich für die Umsetzung der Pläne für das Sartorius- Quartier ist der Projektentwickler „Hamburg Team“ – laut Geschäftsführer Christoph Kleiner eine inhabergeführte Unternehmensgruppe mit mehr als 50 Mitarbeitern –, der schon in Hamburg und Berlin ähnliche Projekte umgesetzt hat, wobei es dort jedoch jeweils um leere Grundstücke ging, während die Planer an der Weender Landstraße die Transformation eines alten Industriestandortes in ein konzeptionell bereits mit einem Masterplan bedachtes städtisches Quartier umsetzen wollen. „Eine ungewöhnliche Situation“, fasst Christoph Kleiner zusammen, der es sich zusammen mit seinen Partnern „zur Aufgabe gemacht hat, das historische Erbe mit modernen Wohn- und Gewerbekonzepten in Einklang zu bringen.“

Für den vorliegenden Masterplan ist auch die Stadt Göttingen mitverantwortlich, die das Quartier als Teil der laufenden Weiterentwicklung in der Göttinger Nordstadt betrachtet und sich für die attraktive, universitätsnahe Lage bewusst keine Monostruktur, eine ganztägige Belebung sowie mehr Grün und eine gute Aufenthaltsqualität wünscht – was seitens der Verantwortlichen auch in einer Reihe von Bürgerinformationsveranstaltungen zwischen dem Februar 2015 und zuletzt im Juni 2018 kommuniziert wurde. Ab 2019 sollen die Bauarbeiten beginnen, und bereits im ersten Quartal 2019 ist seitens Hamburg Team der Startschuss für den Vertrieb der Eigentumswohnungen geplant, die entlang der Annastraße entstehen und ab 2021 fertiggestellt sein sollen.

Die Life Science Factory >>> Zu den für Göttingen wichtigsten Neuentwicklungen im wachsenden Sartorius Quartier könnte jedoch die schon im August 2018 gegründete Life Science Factory gGmbH gehören. Die gemeinnützige Gesellschaft soll als eigenständige Institution an der Förderung von Wissenschaftstransfer und wissenschaftlichem Nachwuchs in Göttingen arbeiten und ergänzt damit in hohem Maße die Aktivitäten, die sich mit dem SNIC bereits im Sartorius Quartier etabliert haben.

Das europaweit einzigartige Konzept geht auf Vorbilder aus Boston und Schanghai zurück, wie Joachim Kreuzburg es auf einer Pressekonferenz zum Ende August zusammenfasste. In beiden Städten hat sich durch eine gezielte und langfristig ausgerichtete Unterstützung eine lebendige und sehr erfolgreiche Gründerszene etabliert. Und genau dies wünschten sich die Verantwortlichen hinter der Life Science Factory auch für Göttingen. Die Universitätsstadt soll über ihre wissenschaftliche Expertise hinaus eine echte Gründer-Universität werden. Joachim Kreuzburg ist sich sicher, dass alle bedeutenden Universitäten diesen Schritt in den nächsten zehn Jahren umsetzen werden, und die Life Science Factory soll helfen, dies in Göttingen zu verwirklichen, indem sie Gründern die Infrastruktur liefert, die sie benötigen.

„Neben dem Zugang zu Gründungs- und Wachstumskapital fehlt es Life-Science-Gründern vor allem an geeigneten Räumen und einem leistungsfähigen Netzwerk“, fasst der Sartorius-Vorstandsvorsitzende zusammen. „Flexible und offen gestaltete Labor-, Büro- und Veranstaltungsflächen sind ein guter Nährboden, um Neues auszuprobieren und Kontakte und Erfahrungen mit Gleichgesinnten und erfahrenen Akteuren zu teilen.“

Die Life Science Factory wird nicht nur eng mit den Göttinger Hochschulen, Max-Planck-Instituten und dem SNIC zusammenarbeiten, sie wird auch überregionale Netzwerke nutzen. Beispielsweise sollen die Gründeraktivitäten der Fraunhofer Gesellschaft wie die „Fraunhofer Life Science Days“ oder die Gründerinitiative „Young Entrepreneurs in Science“ der Falling Walls Foundation – einer einzigartigen, internationalen Plattform für Spitzenkräfte aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Kunst und Gesellschaft, die anlässlich des 20. Jahrestags des Mauerfalls in Berlin gegründet wurde – in das Göttinger Geschehen eingebunden werden.

Ab 2021 soll die Life Science Factory in das Sartorius Quartier in einen 3.000 m² großen Neubau umziehen, der eine moderne Infrastruktur mit flexibel und offen gestalteten Labor-, Büro- und Veranstaltungsflächen bieten soll. Ein professionelles Betreiberkonzept wird dabei den nötigen Anlagen- und Verwaltungssupport, hochwertige Laborausstattungen (Wet und Dry Lab) für 80-100 Entwickler sowie qualifiziertes Laborpersonal vorhalten. Hinzu kommen umfangreiche Entwicklungs- und Unterstützungsprogramme für Gründerteams. Bis das Gründerzentrum jedoch vollständig arbeitet, wird es aber noch etwas dauern. Um trotzdem so schnell wie möglich, mit der Arbeit zu beginnen, ist eine Art Vorstufe in der Göttinger Innenstadt geplant, wo zunächst mehr als 500 m² Flächen für Coworking, Experimente und Veranstaltungen zur Verfügung gestellt werden, die von Gründern zum Arbeiten und zum Bau von Prototypen gemietet werden können.

Als Geschäftsführer werden Marco Janezic, selbst aktiver Gründer und Investor in den Bereichen Medien, IT und Life Science, und Sven Wagner, Leiter Business Development bei Sartorius, die Life Science Factory mit ihren Kompetenzen in Sachen Gründung und Life Science entwickeln helfen – und dies übrigens bewusst ganz unabhängig von der Sartorius AG selbst. Für sie steht ebenso wie für Joachim Kreuzburg fest: Göttingen hat ein außergewöhnliches Potenzial, sich zu einem echten Life Science-Gründer-Standort zu entwickeln, dieses muss nur deutlich besser aktiviert werden. „Aber“, so kommentierte Sven Wagner auf der Pressekonferenz, „wir wecken da keine schlafenden Hunde.“ „Wir rennen offene Türen ein“, ergänzte Marco Janezic. Für die beiden Geschäftsführer steht fest, dass sie nicht nur Göttinger interessieren wollen, denn der Bedarf nach dem, was die Life Science Factory zu bieten hat, besteht in ganz Europa. Um zu entscheiden, wer seine Idee in dem Gründerzentrum erproben darf, wird es deshalb einen Bewerbungsprozess geben, und die einzelnen Interessenten sollen höchstens 18 Monate in der Life Science Factory bleiben.

Da das Projekt völlig unabhängig von der Sartorius AG organisiert ist, bleibt die Frage, was sich der Technologiekonzern von seinem Engagement verspricht. „Das wird für uns ein Talent-Pool“, fasst Joachim Kreuzburg zusammen. Ein Talent-Pool von dem Göttingen allerdings als Ganzes langfristig profitieren dürfte.

Insgesamt scheint die Transformation des alten Sartorius-Werkgeländes also auf einem guten Weg zu sein und auch wenn es über die geplanten Nutzungskonzepte sicher unterschiedliche Meinungen geben kann, so wird doch ein beträchtliches Areal der Nordstadt für die Bewohner Göttingens geöffnet, denn einen Zaun, da sind sich die Verantwortlichen einig, wird es um das Gelände wohl nie wieder geben.

 

 

Zahlen in Planung

(Angaben jeweils in Bruttogeschossflächengrößen)

Wohnen: 18.123 m²
(ca. 127 Miet- und 90 Eigentumswohnungen)

Kita: 566 m²

Hotel: 6.214 m²

Smart Apartments: 5.022 m²

Gastronomie: ca. 600 m²

Einzelhandel: 836 m²

Büro, Forschung, Bildung: 13.950 m²

Parken: ca. 344 Tiefgaragenstellplätze,
ca. 26 Stellplätze im Außenbereich