Der Göttinger Literaturherbst – das größte Literaturfestival Niedersachsens

Vom Nobelpreisträger Orhan Parmuk bis zur Wissenschaftsreihe in der Paulinerkirche, vom den Vulva Dialogen bis zu den Giganten der Fantasy lockt der 27. Göttinger Literaturherbst auch in diesem Jahr wieder Tausende von Besuchern. Im Charakter-Interview: der Literaturkritiker Denis Scheck.

Interwiew: Ulrich Drees | Foto: Günter Schwiering

Herr Scheck, was macht einen guten Literaturkritiker aus?

Charme, Anmut, Grazie, ein blendendes Aussehen und eine ehrfurchtsgebietende Auffassungsgabe. Also in etwa dieselben Eigenschaften wie Gilderoy Lockhart aus Rowlings Harry-Potter-Romanen. Lockhart erweist sich am Ende allerdings als Blender. Sagen wir also eher, die trainierte Fähigkeit, den Blick vom eigenen Nabel zu heben und gelegentlich aus der Haut zu fahren, um eine Zeitlang in der Haut oder im Fell eines anderen Wesens zu verbringen. Ideal sind eine komparatistische Ausbildung und die Beherrschung möglichst vieler Sprachen und Idiome. Nützlich sind auch Erfahrungen als Schmuggler und im Gebrauchtwagen- oder Pferdehandel, um das Gespür für das in der Branche übliche Berufsethos zu sensibilisieren.

Glauben Sie, dass Sie ein „gefürchteter“ Mann sind?

Nein, wie kommen Sie darauf? So schlecht koche ich nun wirklich nicht – wenn ich auch einräumen muss, dass meine Vorliebe für Innereien – Stichwort Kuttelsuppe! – nicht jedermanns Geschmack ist. Wenn ich gewollt hätte, dass ich Furcht auslöse, wäre ich ins Finanzamt gegangen.

Wie einflussreich ist man als Literaturkritiker?

Gehorchen mir die Winde? Vermag ich den Blitzen zu befehlen? Ich fürchte, Sie wären enttäuscht, was meine Machtfülle anbelangt: Weder vermag ich Armeen aus dem Boden zu stampfen, noch wächst mir ein Kornfeld auf der bloßen Hand. Aber manchmal vermag ich ein wenig Aufmerksamkeit auf Bücher und Autoren zu lenken, von denen ich glaube, dass sie es verdient haben. Ich weiß zum Beispiel noch, wie groß der Unwille der Studenten an der Göttinger Universität war, als ich für ein Seminar als Gastprofessor David Foster Wallace als zu behandelnden Autor auswählte. Der lebte damals noch, fand unter den Studenten aber wenig Anklang: Zu verkopft, zu schwierig, zu nerdig, so lauteten damals die Einwände. Das hat sich heute ja nun wahrlich geändert.

Kann auch ein guter Verriss einem Buch nutzen?

Wir leben in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit, und natürlich stiftet auch ein spektakulärer Verriss Aufmerksamkeit. Die schärfste Waffe der Literaturkritik ist nicht der Verriss, sondern das Schweigen. Diese Waffe bekommen die allermeisten Autoren der rund jährlichen 90 000 Neuerscheinungen in Deutschland empfindlich zu spüren.

Geht es überhaupt darum, am Ende mit einer gewissen Absolutheit zu sagen, dieses Buch ist gut oder schlecht, oder sollte eine gute Kritik eher potenziellen Lesern eine Orientierung bieten, ob Sie ein Buch lesenswert fänden oder nicht?

Vor allem darf eine Kritik nicht langweilen. Schon diesen schlichten Maßstab erfüllen 95 Prozent aller Literaturkritiken nicht. Besonders quälend empfinde ich die völlig geistlosen Nacherzähler, ich nenne sie die Handlungsreisenden der Literatur, die ernsthaft glauben, ich interessierte mich dafür, was Hänsel und Gretel im Wald erleben … Um mit Karl Kraus zu sprechen: „Keinen Gedanken haben und ihn ausdrücken können – das macht den Journalisten.“ Aber eine gute Kritik eröffnet mir Perspektiven auf ein Buch, eine Literatur, eine Gesellschaft, die ich ohne sie nicht hatte. Sie lehrt mich, Schönheit zu erkennen, die ich vorher nicht gesehen habe.

Ganz besonders in Deutschland scheint es manchmal so, als gäbe es einen Unterschied zwischen „Literatur“ und Büchern, die für den „Mainstream“ geschrieben werden. Ist das tatsächlich so? Und wenn es nicht so ist, gehen Sie dann unterschiedlich an Ihre Arbeit heran?

Ich glaube, das sind geschlagene Schlachten – so hat man vielleicht noch in den 70er- und 80er- Jahren gedacht, aber dieses Ausspielen von Literatur und Mainstream ist buchstäblich von gestern. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass Haruki Murakami und Stephen King beachtliche Autoren sind, und Daniel Kehlmann oder Juli Zeh werden ja nicht dadurch schlechter, dass ihre Romane eine Millionenauflage erzielen. Es gibt nur gute Bücher und schlechte – und erstaunlich viele langweilig mittelmäßige. Und es gibt allerdings auch die eifersüchtigen Bewohner der Elfenbeintürme, die bis aufs Messer ihre Pfründe und Privilegien verteidigen. Mit anderen Worten, in der Literatur geht es ganz genauso zu wie im Leben. Leider!

Hatten Sie schon einmal das Gefühl, von einem Verlag oder Autor hofiert zu werden?

Natürlich. Und ich wäre sogar extrem beunruhigt, wenn ich dieses Gefühl nicht mehr hätte: In einer Gesellschaft ohne Herren gibt es nur noch Knechte.

Müssen Sie ein Buch zur Gänze lesen, um sich eine Meinung zu bilden? Bzw. lesen Sie es zur Gänze, bevor Sie anschließend öffentlich dazu Stellung beziehen?

Ich habe, wie gesagt, keinen allzu großen Respekt vor dem Berufsethos von Literaturkritikern. Zu den Mindeststandards gehört aber, dass man sich in der Öffentlichkeit nur über Bücher äußert, die man auch gelesen hat. Was nicht heißt, dass ich mir nicht wünschen würde, die nächste Dumpfschwarte von Paulo Coelho, Stephenie Meyer oder Sebastian Fitzek möge einige hundert Seiten kürzer sein.

Gibt es Bücher, die Ihnen gut gefallen haben, die Sie aber nicht weiterempfehlen?

Das kommt mitunter schon vor, insbesondere bei Klassikern – ich versuche ja permanent, meine eigenen Bildungslücken zu schließen, und nicht immer findet man die Möglichkeit, auf die Genialität der Vorsokratiker hinzuweisen oder die Größe Oswald von Wolkensteins zu bejubeln.

Kommt es vor, dass Sie spüren, dass ein Autor Talent hat, es aber noch nicht zum Ausdruck bringen konnte, und dann vielleicht bei Ihrer Kritik „Gnade vor Recht“ ergehen lassen, um ihm keine Steine in den Weg zu legen?

Das Talent eines Autors besteht ja nun gerade darin, Dinge zum Ausdruck bringen zu können. Würde ich als Gastrokritiker einem Koch eine versalzene Suppe durchgehen lassen, um ihm „keine Steine in den Weg zu legen“? Und wer hätte davon etwas? Der Koch? Der Gast? Die Suppe?

Bei der Vielzahl erscheinender Bücher all der unterschiedlichen Genres – muss man sich da als Literaturkritiker spezialisieren? Und haben Sie einen Bereich, in dem Sie besonders gern arbeiten?

Das Medium Buch ist ein Spiegel des Lebens, deshalb ist es in seinen Formen und Inhalten so vielfältig wie der Kosmos selbst. Ich versuche, mich da möglichst breit aufzustellen, das heißt nicht nur, immer wieder über den Tellerrand unserer Nationalliteratur hinauszuschauen, sondern auch mal Buchgenres zu behandeln, die in der Literaturkritik eher selten vorkommen: Ob das ein Pflanzenführer wie „Was blüht denn da?“ ist, ein Kochbuch oder der IKEA-Katalog, man kann mit solchen Büchern ganz erstaunliche Einsichten gewinnen.

Gibt man sich in Deutschland effektiv Mühe, gute Autoren auszubilden, oder überlässt man das eher dem Zufall?

Es gibt inzwischen zum Beispiel in Leipzig und Hildesheim regelrechte Kaderschmieden für den deutschsprachigen Autorennachwuchs. Ich selbst halte eine Menge von „creative writing“ und „creative translation“, allerdings weniger zur Ausbildung von Schriftstellern, als zur allgemeinen Verbesserung der schriftlichen Ausdrucksfähigkeit und der Interpretationskunst, die einem in jedem Beruf zugutekommen kann. Aber wir sollten mindestens so sehr Wert auf die Ausbildung von guten Lesern legen. Vielleicht wäre es, so gesehen, sinnvoll, sich darauf zu verständigen, nur noch Sex mit passionierten Lesern und Leserinnen zu haben – das könnte man den „Göttinger Appell“ nennen …

Welche Bedeutung besitzen in diesem Zusammenhang deutschsprachige Autoren auf dem internationalen Markt?

Meinen Sie das im Ernst nun wirklich „in diesem Zusammenhang“? Wir Deutschsprachigen haben in der internationalen Literatur dank Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann, Stefan Zweig, Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und W.G. Sebald lange eine fast schon überproportionale Rolle gespielt. Ob eine Sprachgemeinschaft von etwas über hundert Millionen angesichts von 7 Milliarden Menschen auf der Welt auch im 21. Jahrhundert so prominent in der Weltliteratur vertreten sein wird, weiß ich nicht. Aber mir ist andererseits auch nicht bange. So lange so geniale Romane wie „Tyll“ von Daniel Kehlmann erscheinen, so lange werden deutschsprachige Autoren auf der Welt gelesen werden.

Darf man einen Literaturkritiker bei einem Festival wie dem Göttinger Literaturherbst fragen, ob er einen oder mehrere der Autorinnen und Autoren besonders empfehlen würde, bzw. wen er sicher nicht eingeladen hätte? Und wenn ja, wer würde Ihnen da einfallen?

Wenn man zu einer Party eingeladen wird, zeugt es wirklich von sehr schlechtem Stil, die anderen vom Gastgeber Eingeladenen in irgendeiner Weise herabzusetzen. Hier schweigt also des Sängers Höflichkeit. Aber eine Lesung von Michael Köhlmeier aus seinem grandiosen neuen Roman „Bruder und Schwester Lenobel“ würde ich mir zum Beispiel nicht entgehen lassen. Und ich bin ja auch der Meinung, dass Frank Schätzing ungewöhnlich intelligente und unterhaltende Literatur schreibt; in Die „Tyrannei des Schmetterlings“ denkt er darüber nach, was aus uns würde, wenn Maschinen künstliche Intelligenz entwickelten. Sehr angetan bin ich auch von Dörte Hansen, die einen sehr poetischen Reigen über den Niedergang des deutschen Dorfes geschrieben hat.