Das Junge Theater und das Kulturzentrum KAZ sind für die nächsten drei Jahre in der ehemaligen Voigt-Realschule untergebracht. Ein guter Kompromiss, den alle Beteiligten kreativ nutzen wollen.

Text: Ulrich Drees | Foto: Jochen Quast

Das Otfried-Müller-Haus am Göttinger Wochenmarkt wird saniert. Für drei Jahre ist das in die Jahre gekommene Gebäude für das Junge Theater und das Kulturzentrum KAZ nicht nutzbar. Doch die Stadt Göttingen konnte beiden Institutionen eine Alternative anbieten: die alte Voigt-Realschule an der Bürgerstraße. Die nach dem Schriftsetzersohn und ihrem 1. Schulleiter Heinrich Jacob Voigt (1817-1886) benannte Schule wurde 1886 in Betrieb genommen. Damals zogen Lehrerschaft und Schüler der gehobenen Volksschule aus der Alten Post in das Gebäude am Wall um, bis die Voigt-Realschule 2011 in die Theodor-Heuss-Straße umzog. Danach stand das Gebäude leer, bzw. wurde für unterschiedliche Zwecke zwischengenutzt. Im Zuge der Haushaltskonsolidierung sollte die Immobilie an der Bürgerstraße zwar zwischenzeitlich sogar verkauft werden. Dazu kam es jedoch nicht.
„Glücklicherweise“, so bewertete dies Göttingens Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler auf einem Baustellenfest am 15. Juni. „Denn es ist mein Ziel, dieses Gebäude nachhaltig im Besitz der Stadt Göttingen zu halten. So können bei Bedarf auch andere Institutionen oder Schulen, die von Umbauten betroffen sind, hierher ausweichen.“ Dieser Zielsetzung folgte auch der Umbau der letzten Monate. „Neue Nutzer“, erläutert der Oberbürgermeister, „müssen sich mit ihrer Idee und ihrem Programm in angemessener Weise wiederfinden können. Es geht um tragbare Kompromisse. Ich behaupte jedoch, dass viele, wenn sie dann wieder umziehen, sagen werden, dass es hier gar nicht so schlecht war.“
Die Voigtschule als flexibles Ausweichquartier für alle städtischen Institutionen, die in den nächsten Jahren von Umbaumaßnahmen betroffen sind? Tatsächlich können viele der nun erfolgten Umbauten für das JT und das KAZ ohne allzu großen Aufwand wieder rückgängig gemacht werden, wenn neue Nutzer eigene Erfordernisse mitbringen. Andere Umbauten, wie der neue Fahrstuhl, dienen dazu, das Haus auf breiter Ebene an zeitgemäße Maßstäbe anzupassen.
Das Gebäude an sich bringt jedenfalls beste Voraussetzungen für eine variable Nutzung mit. „Früher hat man anders gebaut“, beschreibt es Rolf Georg Köhler. „Obwohl das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert stammt, wurden bereits Raumcluster geschaffen, die vielseitig nutzbar sind. Auch die Grundstruktur mit den 50 m² großen ehemaligen Klassenzimmern lässt vieles zu. „In jedem Fall wird es wichtig sein, die jeweiligen Institutionen von Beginn an in den Planungsprozess einzubeziehen“, erklärt der Göttinger Oberbürgermeister.
Die Zusammenarbeit, die sich daraus für seine Arbeit ergab, lobte Bernhard Boy, zuständiger Architekt der Stadt Göttingen, ausdrücklich. Bei einem Projekt wie diesem, so Bernhard Boy, ergäben sich zwangsläufig Überraschungen. Die massiven ca. 70 cm dicken Innenwände in den Räumen der Schule seien z. B. häufig gar nicht, wie zunächst vermutet, statisch relevant, sondern nur dünne Schalen mit großen Zwischenräumen für die Verteilung von Heizungsluft. Das schuf Möglichkeiten, die angesichts des knappen Zeitplans aber auch rasche Entscheidungen erforderten. Für den Architekten ungewohnt, hatten die kreativen Verantwortlichen des JT und des KAZ damit jedoch gar kein Problem. „Das ist normal beim Theater“, erklärte Tobias Sosinka, Geschäftsführer des JT, dem städtischen Architekten. „Wir müssen immer wieder das Beste aus unerwarteten Situationen machen.“ So betrachtet Bernhard Boy das Projekt, das übrigens das Letzte vor seinem Ruhestand ist, als Erfolg. „Wir haben viele sinnvolle Kompromisse gefunden.“ Dazu gehört zum Beispiel auch, dass sich die Toiletten für das Gebäude in dessen Keller befinden und dieser zum anvisierten Umzugstermin wohl noch nicht ganz fertig sein wird.
Aber damit können die künftigen Nutzer gut leben. Bevor das JT seine nächste Spielzeit also an der Bürgerstraße beginnen wird, steht zwar noch der Umzug aller Abteilungen des Theaters an, der wohl ein logistisches Großprojekt werden wird. Dessen Abschluss wird das JT am 28. und 29. September als inszeniertes Umzugsspektakel in die Interimsspielstätte feiern, bei dem Theaterleute und Bürger symbolisch Kostüme, Stühle und Utensilien in einem großen Umzug von der alten zur neuen Spielstätte tragen sollen, wo sie dann von den Akteuren des neuen Quartiers erwartet werden.
Die neuen Räume in der Voigtschule sieht Nico Dietrich im Vergleich mit den über vier Jahrzehnte gewachsenen, oft komplizierten, kleinteiligen Lösungen im Otfried-Müller-Haus nicht nur als willkommene Vereinfachung, sondern auch als kreative Herausforderung. Ein neuer Spielsaal der statt 234 nur noch 175 Plätze hat, ist „kein großes Problem“, denn hier gibt es auf Wunsch viel Tageslicht. Zwar wird ein anthrazitgrauer Anstrich bei der richtigen Beleuchtung auch für ein klassisches „schwarzes“ Theater sorgen, aber plötzlich sind auch „Baby-Konzerte“ des Göttinger Symphonie Orchesters in der neuen JT-Spielstätte vorstellbar. Überhaupt steht Kooperation noch mehr im Fokus. Das JT freut sich schon darauf, im Leineviertel auf der anderen Seite der Bürgerstraße mit vielen Schwerpunkten im Bereich der Jugendarbeit aktiv zu werden, neue Theaterjugendgruppen zu initiieren und vom Jugendzentrum Gartetal über die Baptistengemeinde bis hin zum neuen Kino in der ehemaligen Baptistenkirche mit allen vorhandenen Akteuren der neuen Nachbarschaft ins Gespräch zu kommen und die unterschiedlichsten Formen der Zusammenarbeit umzusetzen. Doch damit nicht genug. Mit einem Augenzwinkern will man sich in den nächsten Jahren erst einmal zum „Jungen Theater am Wall“ umbenennen, sodass Göttingen nun gleich zwei Häuser am Wall vorweisen kann. Ebenso steht für den Sommer 2020 eine Inszenierung des „Dschungelbuchs“ auf dem ehemaligen Schulhof an. „Dann werden erstmals Affen auf dem Göttinger Wall herumturnen“, freut sich Nico Dietrich. „Und vom Jogger bis zum Spaziergänger, jeder der während der Aufführungen auf dem Wall unterwegs ist, wird zum Teil des Stücks.“
Aus Sicht des KAZ ist die „Übergangslösung“ für die nächsten drei Jahre eine klare Verbesserung. „Wir hatten zuvor zwei Räume mit Tageslicht, die von 8 Uhr morgens bis Mitternacht genutzt wurden“, beschreibt Anne Moldenhauer, Geschäftsführerin des KAZ. „Jetzt haben wir noch zwei Räume im Keller, und sogar die haben Tageslicht.“ Auch für das Kulturzentrum ist der Umzug an die Bürgerstraße ein logistisches Großprojekt, immerhin ziehen ca. 50 verschiedene Gruppen um. Darunter Trommlergruppen und Bands, die jetzt zur Freude aller Beteiligten zwei schallgedämpften Probenräume in Räume der Schule eingebaut bekommen haben, und dann war da noch die Keramikwerkstatt … Deren Brennöfen sollten zunächst ins Erdgeschoss der Voigtschule, um im Keller Platz für die Übungsräume der KAZ-Bands zu bewahren, erwiesen sich aber als so schwer, dass sie nun auch im Keller Platz finden mussten. Nach den sehr beengten Verhältnissen im Otfried-Müller-Haus nutzt das KAZ nun das Mehr an Raum für neue Projekte. So konnte mit Hilfe der Stadt ein „Freiraum“ für kulturelle und künstlerische Projekte von Menschen unter 27 verwirklicht werden. Die können sich bewerben und dürfen sich sogar über eine finanzielle Unterstützung für ihre Idee freuen.
So sind die kommenden drei Jahre für das JT und das KAZ alles andere als eine behelfsmäßige Übergangslösung. Die Veränderung wird zur Chance für kreative Entfaltung. Und die Stadt Göttingen, die ca. 1 Million Euro in die Umbaumaßnahmen der insgesamt 2510 m² Nettogeschossfläche investierte, kann sich darüber freuen, zwei bedeutende Kultureinrichtungen unweit ihres bisherigen Standorts auch während des Umbaus des Otfried-Müller-Hauses aktiv zu erhalten. „Sichtbar und ebenso charmant wie funktional“, um es mit den Worten von Oberbürgermeister Rolf Georg Köhler auszudrücken.

 

Die 1. Premiere im Jungen Theater am Wall

20.09.2019: „Der Diener zweier Herren“

Eine Komödie von Carlo Goldoni
Inszenierung: Christine Hofer
Zum Einzug des JT-Ensembles in sein neues Haus könnte kaum ein anderes Stück besser passen, als die wohl berühmteste Commedia dell’arte über Truffaldino, für den ein Job allein nicht reicht, um in Venedig zu überleben. Eine der schönsten Komödien der Theatergeschichte.