Schubert meets Science. – Vom Barock über den 2. Weltkrieg bis hin in unsere moderne Zeit spannt Regisseur Christian Friedel einen weiten Bogen und spürt dabei dem Umgang des Menschen mit der eigenen Vergänglichkeit nach. Im Mittelpunkt stehen die Gedichte von Ludwig Rellstab und Heinrich Heine sowie deren Vertonung von Franz Schubert im „Schwanengesang“, dem letzten Werk dieses großen Komponisten.

Von Jan Thoman Ockershausen

„Rausch und Requiem“, so lautet der Untertitel, den Christian Friedel diesem Abend verpasst hat, und fürwahr, es ist ein rauschhaftes Erlebnis, welches den Zuschauer in der knapp 2-stündigen Aufführung erwartet. Dabei beeindruckt vor allem die musikalische Umsetzung dieser für ein hauptsächlich darstellerisches Ensemble sicherlich nicht ganz einfachen Vorgabe. Natürlich werden die, die einen künstlerisch ausgefeilten, klassischen Liederabend erwartet haben, enttäuscht, da Schuberts Musik ein ums andere Mal doch stark entfremdet auf die Bühne gebracht wird. Dafür überzeugt die Inszenierung mit einem fantastischen Bühnenbild, welches alle Facetten vom nüchternen Universitätsplenum über die bedrückenden Bunkerszenerien im 2. Weltkrieg bis hin zum kompletten Tagesablauf eines stressgeplagten Wissenschaftlers mit U-Bahn, Heim und Hörsaal in rasantem Wechsel abdeckt. Vor dieser Kulisse entfaltet sich das Geschehen um den fiktiven Universitätsprofessor Dr. Bitthan, gespielt von Florian Eppinger, der bis zu seinem Ableben die Angst des Menschen vor dem Tod und die Versuche, Letzterem doch noch zu entrinnen, eindringlich darstellt. Eine Handlung im eigentlichen Sinne entspinnt sich jedoch nicht wirklich, es sind vielmehr einzelne Schlaglichter, die sich dem Zuschauer offenbaren. Und so erleben wir Rückblicke, Einblendungen von Kindheit, Privat- und Berufsleben, Scheidung, all das untermalt von rasanten Projektionen, die sich auf den hin und her verschiebbaren Stellwänden stimmungsvoll wiederspiegeln.Sinnliche Wahrnehmung statt Stringenz, erleben anstatt erfassen – unaufhaltsam zieht es das Publikum in den Sog eines in jeder Beziehung gewaltigen Theaterabends. Besonders hervorzuheben sind dabei auch die ungemein kraftvollen Choreografien, die Valenti Rocamora i Torá mit dem Ensemble einstudiert hat und die sich formidabel in den von Friedel höchst variantenreich gewebten Klangteppich einfügen. Dass die Musiker mit E-Geige und E-Cello auch kammermusikalisch durchaus anspruchsvolle Einlagen produzieren, ist eine weitere erfreuliche Überraschung, ebenso (wie) die Sangesstärke einiger Ensemblemitglieder, von denen man bislang in dieser Richtung noch kaum etwas gehört hat (z.B. Rebecca Klingenberg).Es ist von der Themenwahl bis zur Umsetzung eine höchst mutige Darbietung, die das Deutsche Theater hier präsentiert. Dass dieses Konzept so hervorragend aufgeht, erfreut das Publikum in besonderem Maße. Lange anhaltender Applaus ist der Lohn.

Foto: Thomas Aurin