Weil ihr nicht gefiel, was sie auf einer Göttinger Bühne zu sehen bekam, und sie dies postete, erlebte unsere Autorin Martina Frigge-Filbir einen „Shitstorm“. Grund genug für einige Tipps, wie man in solch einer Situation reagieren kann.

Text: Martina Frigge-Filbir | Foto: iStock

Ausgelöst von einem Kommentar, einem geteilten Foto oder einem anderen Beitrag – haben zahlreiche Nutzer von Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagram & Co. vermutlich schon einmal einen Sturm der Entrüstung oder, wie es so schön heißt, einen „Shitstorm“ erlebt. Das sogenannte Cybermobbing greift um sich und betrifft längst nicht nur Jugendliche.
Je nach Übung und Kenntnissen im Umgang mit Social-Media-Phänomenen kann so ein Shitstorm zum echten Problem werden. Hier helfen nur Ruhe und eine durchdachte Reaktion. Denn ob es nun um eine echte Verfehlung geht oder nur um ein schlichtes Missverständnis, ist der „Sturm“ erst einmal entfacht, gerät er schnell außer Kontrolle. Vollkommen fremde Menschen richten dann über das Ziel des Shitstorms, und unabhängig davon, worum es geht, wird der Betroffene auf allen Ebenen diskreditiert – es wird gegen seinen Namen gehetzt, gegen das Geschlecht, das Alter, die Größe, das Gewicht und den Beruf. Den Angriffspunkten sind keine Grenzen gesetzt.
Wie reagiert man darauf? Der Versuch einer offenen und sachlichen Auseinandersetzung mit den sogenannten „Trollen“ erfordert nicht nur sehr viel Zeit, Geduld und Nerven, sondern ist in der Regel auch von vorn herein zum Scheitern verurteilt; denn der Durchschnittstroll ist nicht nur im Besitz der endgültigen Wahrheit, er setzt sich auch nur selten ernsthaft mit einer Reaktion auseinander und weiß sowieso meist besser als man selbst, was man eigentlich meint. Diese Art der Auseinandersetzung sollte man deshalb in der Regel denjenigen überlassen, die sich bewusst im Internet für ihre Ziele engagieren wollen.
Für den Durchschnittsnutzer von Social-Media-Plattformen ist eine andere Strategie sinnvoller. Bei harmlosen Stänkereien kann man Beiträge einfach löschen und den Urheber blockieren. Man hört und sieht ihn dann einfach nicht mehr. Vorbeugend kann man die Kommentarfunktion auch gleich ausschalten. Doch natürlich besteht ja gerade im Austausch mit anderen der Sinn jeder Social-Media-Aktivität. Trotzdem bieten die Funktionsmenüs der verschiedenen Plattformen hier die Möglichkeit einer Vorselektion, Kommentare können beispielsweise nur für den Inhaber der jeweiligen Seite oder nur für alle namentlich Genannten sichtbar eingestellt werden. Schließlich besteht natürlich immer die Möglichkeit, den Stein des Anstoßes zu löschen und so dem Sturm den Wind zu nehmen.
Doch damit ist das Problem leider immer noch nicht aus der Welt, denn der findige Troll hat vielleicht einen Screenshot oder ein Bildschirmfoto angefertigt. Löscht man also den Auslöser, kann der Troll ihn auf der eigenen Seite trotzdem weiter „öffentlich“ halten und sich dort mit anderen Trollen ungestört weiter austoben, eventuell sogar, ohne dass man es selbst weiß, weil man ihn blockiert hat und deshalb nicht mehr sieht, was er postet. Ist man sich in diesem Zusammenhang unsicher, reicht es jedoch meist, einen anderen Menschen zu bitten, entsprechende Vermutungen zu überprüfen.
Geht der Shitstorm weiter, ist es an der Zeit, sich zu überlegen, ob man ihn nun einfach ignoriert oder ernstere Gegenmaßnahmen ergreift; denn im Empörungsmodus überschreitet der Durchschnittstroll gern einmal rechtliche Grenzen. Ein Screenshot oder eine andere Form eines unberechtigt geteilten eigenen Posts mit persönlichen Gedanken ist beispielsweise widerrechtlich. In einem solchen Fall sollte man den Betreiber der Social-Media-Seite informieren und das Recht auf Urheberschutz nach §2 II UrhG einfordern. In der Regel reagieren diese ausgesprochen schnell, da sich die Rechtsprechung dahingehend geändert hat, dass der Seitenbetreiber bei Nichteinhaltung der Urheberrechte zur Kasse gebeten werden kann. Wo sich aber Facebook & Co. immer noch ausgesprochen schwertun, sind Hasskommentare, persönliche Verletzungen oder Ähnliches. Eher wird eine künstlerische Aktzeichnung gelöscht als solche „Meinungsäußerungen“.
Auch hier muss man für sich entscheiden, wie man damit umgehen möchte. Geduld ist eine Lösung, denn die Aufmerksamkeitsspanne des typischen Trolls reicht bei mangelnder Reaktion meist nur so weit, bis er etwas anderes gefunden hat, das sein Problembewusstsein anspricht. Fühlt man sich von den virtuellen Hetzereien jedoch ernsthaft bedroht, wird man genötigt, beleidigt oder wenn das Ganze so gar nicht enden will, weil sich der oder die Rädelsführer festgebissen haben, kann ein Besuch bei einem Anwalt auf keinen Fall schaden.
Dieser kann dann für die eigenen Rechte eintreten, gegebenenfalls eine Unterlassungserklärung einfordern oder je nach Schwere des Mobbings sogar dazu raten, eine Anzeige zu erstatten. Das mag drastisch klingen, zeigt dem Shitstormer jedoch, dass er – vielleicht ja sogar, ohne es bewusst zu wissen – eine Grenze überschritten hat. Denn vielen Menschen ist einfach nicht bewusst, dass das Internet im Kosmos des eigenen Social-Media-Auftritts eben kein privater Raum ist und man sich auch hier an die Gesetze zu halten hat. Rechtlich besteht kein Unterschied darin, ob man jemandem auf der Straße gegenübersteht und ihn bedroht oder ob man dies in den sozialen Medien tut.
Genau diese Wahrnehmung ist es aber, wegen der das Geschehen im Internet so häufig eskaliert. Allein und im vermeintlich privaten Umfeld vor dem eigenen Handy oder Computer trauen sich viele vieles, was sie niemandem direkt ins Gesicht sagen würden. Das gilt nicht nur für die Trolle. Auch Betroffene empfinden das Internet oft als virtuell und scheuen rechtliche Schritte, weil das Geschehen ja nicht im „echten Leben“ spielt. Genau das schafft aber diese Wahrnehmung, dass im Internet alles erlaubt und übelste Beleidigungen, Beschimpfungen und Drohungen gefahrlos möglich sind – wie es ja erst kürzlich im Falle des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zu erleben war.
Wenn Entgleisungen im Internet jedoch konsequent sehr reale Folgen nach sich ziehen würden, könnte es dann nicht gelingen, das Bewusstsein für einen anderen, sinnvollen Umgang auf den Social-Media-Plattformen zu schaffen, die doch eigentlich hervorragend dazu geeignet wären, die ganze Welt friedlich und kommunikativ miteinander zu verbinden? Jeder Beleidigung mit einer Klage zu begegnen, mag übertrieben sein, aber wenn dem Troll auf der anderen Seite des Bildschirms bewusst wäre, dass eine Klage durchaus möglich wäre, wer weiß, vielleicht würde er seinen Frust dann lieber mal wieder am Stammtisch in der Eckkneipe abbauen.