Seit dem 1. April ist Michael Birlin stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Göttingen. Im Interview mit Ulrich Drees sprach er über die Sparkassen-DNA, die Extra-Meile und den Traum, einmal einen Tag als Italiener zu erleben.

Text: Ulrich Drees | Foto: Lutz Stein

Herr Birlin, Sie sind jetzt etwa einen Monat in der Sparkasse Göttingen tätig. Mögen Sie unseren Lesern zunächst ein wenig von sich erzählen?
Als gebürtiger Kölner habe ich dort auch meine Ausbildung und mein Studium absolviert. Im Anschluss ging ich für die Hypovereinsbank nach München und dann für fünf Jahre nach Dresden. Das empfinde ich noch heute als Glücksfall, denn damals, 1993, war Dresden nicht nur eine wunderschöne Stadt, sondern es eröffneten sich dort auch großartige berufliche Möglichkeiten. Da fragte keiner danach, wie viel Erfahrung man hatte, es ging darum, wer das jeweilige Geschäft machen konnte. Daraus ergab sich eine große, sehr unterschiedliche Bandbreite von Kunden, von Existenzgründern bis zum Projektfinanzierer. Auch privat war es eine spannende Zeit: Meine Frau und ich haben geheiratet und unsere drei Töchter sind zur Welt gekommen. Während wir in Dresden lebten, entstanden auch viele Freundschaften, die wir heute noch pflegen. Im Anschluss ging es nach Berlin, wo ich für die Hypovereinsbank die Leitung des Firmenkundengeschäfts übernahm, und schließlich nach Hannover. Dort habe ich dann zehn Jahre für die HSH Nordbank gearbeitet und als Leiter die Region Nordost verantwortet. In dieser Zeit konnte ich die Region rund um Hannover und auch Südniedersachsen kennen- und sehr schätzen lernen. Dass meine Familie und ich uns dort sehr wohlfühlten, war sicherlich auch ein Grund, das Angebot aus Göttingen anzunehmen.

Aktuell sind Sie jedoch aus Mainz nach Göttingen gekommen.
Das stimmt, in den vergangenen fünf Jahren war ich als stellvertretendes Vorstandsmitglied der dortigen Sparkasse tätig.

Sie haben in Deutschland neben Köln, Dresden, Hannover und Mainz auch München, und Berlin kennengelernt. Gibt es die Mentalitätsunterschiede, von denen gern gesprochen wird?
Ja, es gibt Mentalitätsunterschiede, das ist ja das Schöne. Wenn man neugierig und offen auf Menschen zugeht, dann lernt man diese Unterschiede auch kennen. Was wir zum Beispiel an den Niedersachsen schätzen gelernt haben, ist, dass es da erst einmal eine gewisse Zurückhaltung gibt – ganz anders als in Köln oder Mainz, wo man ja schon am ersten Abend zum besten Freund wird –, aber wenn man hier dann Freunde gewonnen hat, dann sind diese auch fürs Leben. Als meine Frau und ich uns entschieden haben, nach Göttingen zu kommen, haben sich viele unserer Freunde aus der Zeit in Hannover zum Beispiel sehr gefreut, dass wir wieder zurückkehren. Nicht zuletzt, weil wir auch in den fünf Jahren in Mainz stets einen sehr engen Kontakt gepflegt haben.

Wie sieht jemand, der – wie Sie – viel herumgekommen ist, Göttingen? Wo hat die Stadt Potenzial?
Die Stadt ist natürlich durch die Universität und den Dienstleistungsbereich geprägt. Gerade aus dem universitären Bereich kann sich aber viel entwickeln. Wenn es gelingt, dass die „Stadt, die Wissen schafft“, dieses Wissen in Geschäftsideen transformiert und mit jungen Unternehmern nach vorn entwickelt, liegen dort großartige Zukunftschancen. Das knappste Gut ist weiterhin das menschliche Know-how, und da hat Göttingen mit seiner fantastischen Universitäts-Landschaft natürlich tolle Möglichkeiten.

Was wussten Sie darüber hinaus im Vorfeld über Göttingen?
Obwohl man eine Stadt sicher erst richtig kennenlernt, wenn man in ihr lebt, kannten wir schon Einiges. Wir haben uns auf jeden Fall auf die Stadt gefreut. Göttingen ist wie Mainz eine Uni-Stadt, und die sind ja meistens sehr lebendig, sehr jung und spannend. Auf der anderen Seite hat die Stadt aber auch ruhige Ecken und viel Natur zu bieten, das wissen wir sehr zu schätzen. Eine Großstadt wie Berlin wäre für uns deshalb jetzt nicht mehr so reizvoll wie früher. In Göttingen gibt es zum Beispiel die Burg Plesse oder den Kiessee. Und auch mit dem Harz vor der Tür bieten sich viele Möglichkeiten. Wir freuen uns schon, all dies zu erkunden.

Das heißt, Sie wandern gern?
Wandern schon, aber Bergsteigen eher nicht. Meine Frau interessiert sich dafür genauso, das ist ein gemeinsames Hobby. Achtstündige Mammuttouren starten wir aber nicht, dazu müsste ich wohl auch erst einmal meine Fitness steigern.

Sie arbeiten jetzt in der neuen Zentrale der Sparkasse an der Groner Landstraße. Direkt gegenüber befindet sich ein Gebäude, das sicher in allen Belangen einen erheblichen Kontrast zum brandneuen Sparkassen-Forum darstellt. Ist das etwas, worüber man auf der anderen Straßenseite spricht?
Ich kenne das Objekt nicht näher, aber im Moment tut sich dort ja etwas in der komplizierten Eigentümerstruktur. Wenn damit auch Sanierungen einhergehen, von denen die jetzigen Mieter profitieren, würde mich das freuen. Gleichzeitig empfinde ich es als gutes und wichtiges Statement der Sparkasse, dass wir klar sagen: Wir fühlen uns wohl an diesem Platz, denn hier sind wir direkt unter den Menschen. Das Sparkassen-Forum ist zudem ein erster Baustein zur Aufwertung des Innenstadteingangs. Wenn das Forum Wissen hinzukommt, ist das der nächste Baustein, und diese Faktoren machen es für Investoren mit dem richtigen, sozialverträglichen Blick sicher interessanter, sich zu engagieren.

Wie ist das, wenn man in einer Position wie Ihrer neu in eine Stadt kommt? Lernt man dann erst einmal alle wichtigen Menschen kennen und ist das ein „organisierter“ Prozess oder eher Zufall?
Es ergibt sich beides. Natürlich gibt es eine große Gruppe von Menschen, die ich gern kennenlernen will, allen voran sind das unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dazu besuche ich alle Filialen persönlich, um mich vorzustellen. Auf der anderen Seite freue ich mich auch auf alle Kunden, die ich treffen kann – alle werde ich nicht schaffen –, und die Menschen, die am gesellschaftlichen Wohl und Wehe hier in Göttingen, im Landkreis und in Südniedersachsen interessiert sind.

Sie waren bereits für verschiedene Banken an unterschiedlichen Standorten tätig. Gibt es so etwas wie eine Sparkassen-DNA?
Absolut. Genau die war der Grund, warum ich nach meinen Jahren bei Geschäfts- und Landesbank bewusst zur Sparkasse gegangen bin. Die DNA einer Sparkasse ist anders. Wir sammeln das Geld hier in der Region ein und geben es auch hier aus. Es gibt eine unglaubliche Bindung zwischen Berater und Kunden. Der Berater wird nicht alle paar Monate aus irgendeiner Frankfurter oder Münchner Zentrale heraus ausgewechselt. Es gibt eine spürbare Beständigkeit und Verbindung hinein in die Region, durch die man an allen Entwicklungen und Informationen viel näher dran ist, als bei anderen Banken. So kann man viel besser und schneller fundierte Entscheidungen treffen – und das macht einen Riesenspaß. Für mich gibt es keinen Weg mehr zurück. Das ist nicht mehr denkbar.

Wie haben Sie die Sparkasse Göttingen vor Ihrer Entscheidung wahrgenommen?
Als eine erfolgreiche Bank, die auf Wachstum und Digitalisierung setzt und den Blick nach vorne richtet, statt wie viele andere nur zu fragen, wo sich Kosten einsparen lassen. Neben der Stadt selbst, war diese strategische Ausrichtung der Sparkasse Göttingen ein ausschlaggebender Grund hierherzukommen. Ich dachte: Hier kann ich mich einbringen und mitgestalten – und das möchte ich nun auch bis zum Renteneintritt viele Jahre lang tun.

Wenn man in einer Frankfurter Bar einen jungen Banker fragen würde, ob er zur Sparkasse wechseln wolle würde, was würde der wohl sagen oder denken?
Der wäre vermutlich erst einmal zurückhaltend, weil er höchstwahrscheinlich kaum etwas über die Sparkasse wissen würde. Dabei ist die Sparkasse mit ihren mehr als 210.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die wichtigste und größte Bankengruppe in Deutschland. Weil wir aber auf regionaler Ebene arbeiten, ist meist gar nicht bekannt, was wir an Know-how und Produktwelten haben. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist das große soziale Engagement, der Sparkassen die durch Spenden und Sponsorings unzählige Vereine, Projekte und Initiativen unterstützen – ob regional oder bundesweit. Wenn man sich aber erst einmal damit auseinandersetzt und etwas von unserer Wertekultur mitbekommt, dann kenne ich niemanden – auch keinen jungen Banker –, der nicht sagen würde, wie interessant das ist. Und sobald sie dann erst einmal hier arbeiten, möchten sie auch nicht wieder zurück zu ihrer Frankfurter Geschäftsbank.

Wir fahren gerade zur Burg Plesse. Wenn Sie im Urlaub sind, legen Sie sich dann lieber an einen Strand in die Sonne oder besuchen Sie lieber Museen oder andere Sehenswürdigkeiten?
Für Kulturelles können meine Frau und ich uns immer begeistern, ganz besonders für Museen. Wir waren eigentlich noch nie im Urlaub, ohne ein Museum oder etwas Kulturelles besucht zu haben. Zwei Wochen nur am Strand – das würde mir schwerfallen.

Sie werden mit Ihrer Frau in Göttingen leben. Sind Ihre Töchter auch mit von der Partie?
Nein, meine Töchter sind erwachsen und haben sich für ihren eigenen Lebensweg entschieden. Die Älteste ist 24 und studiert in Hannover an der Universität. Sie macht gerade ihre Promotion in Medizin. Die Mittlere ist 21 und hat gerade ihren Bachelor in BWL an der Universität zu Köln gemacht – das war der gleiche Studiengang, den ich auch absolviert habe, seinerzeit aber noch in anderer Form. Und die Jüngste macht gerade die Physiotherapeutenausbildung an der Uniklinik in Düsseldorf.

Ist Ihre Frau auch berufstätig?
Im Moment ist sie im Ministerbüro im Umweltministerium in Rheinland-Pfalz tätig und wird sich auch hierher orientieren, sobald wir den richtigen Wohnsitz für uns beide gefunden haben. Das ist in Göttingen ja leider nicht so einfach.

Was haben Sie sich für das kommende erste Jahr in Göttingen vorgenommen?
Sobald wir eine Wohnung oder ein Haus gefunden haben, möchten wir komplett ankommen und uns in das gesellschaftliche Leben einbringen. Wir überlegen zum Beispiel, ob wir vielleicht noch einmal mit dem Tennisspielen anfangen. Ich habe lange nicht mehr gespielt, aber das wäre reizvoll. Jedoch nur als Hobby und ohne größere sportliche Ambitionen oder in einer Mannschaft mitspielen zu wollen.

Beim Tennis denken viele natürlich an den Tennisverein. Welche Rolle spielen solche Netzwerke, wie beispielsweise im richtigen Verein zu sein, heute noch, wenn man Karriere machen möchte?
Ich glaube, das hat immer anders funktioniert. Netzwerken alleine wird nicht reichen. Entscheidend ist, ob man bereit ist, die Extra-Meile zu gehen, ohne zu fragen, was da für einen bei rausspringt. Wenn junge Menschen das beherzigen, also mit einem gesunden Ehrgeiz, offen, neugierig und veränderungsbereit zu sein, dann hat heute jeder junge Mensch große Chancen. Das bedingt sich allein durch die demografische Entwicklung.

Diese Extra-Meile zu gehen, ist das Ihre Arbeitsphilosophie?
Ich glaube, ich war immer neugierig, aufgeschlossen und bereit für Veränderungen. Statt nach Fehlern und Risiken zu fragen, dachte ich immer: Komm, das ist eine Chance. Die Frage, was es mir persönlich nutzt, stand dabei nicht im Vordergrund. Das hat sich letztlich ausgezahlt, weil die Aufgaben an mich herangetragen wurden und damit auch die Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Das ist mein Rezept. Ob das jemand übernehmen will, weiß ich nicht, das ist immer eine persönliche Entscheidung.

In Banken geht es um Zahlen. Muss man dann automatisch auch in anderen Lebensbereichen ein wahnsinnig genauer Mensch sein?
Ein Zahlenverständnis sollte man auf jeden Fall haben, weil sich ein wirtschaftliches Gebilde am Ende in Zahlen ausdrückt. Auf der anderen Seite sollte man aber erstmal zuhören und sich in die Situationen anderer Menschen hineinversetzen können. Die saubere Analyse einer Geschäftsidee oder eines Finanzierungswunsches kommt erst im zweiten Schritt. Daraus entsteht auch die Aufgabe, einem Investor zu sagen, dass man Zahlen nicht für plausibel hält und dies zu begründen. Das führt dann zu der Überlegung, was man vielleicht anders machen sollte. So funktioniert eine offene und faire Beratung. Nur auf den Abschluss zu achten, das geht nicht.

Braucht es da Menschenkenntnis? Worauf achten Sie in den entsprechenden Gesprächen? Was hilft Ihnen bei einer Entscheidung?
Das ist zunächst vor allem Lebenserfahrung. Daneben muss man lernen, die persönliche Einschätzung auch zurückzunehmen, um auf der Basis einer sauberen Analytik wirklich zu entscheiden, ob man eine gute Geschäftsidee eventuell verkennt oder mögliche Gefahren unterschätzt. Sympathie oder Antipathie in einem Gespräch auszuschalten, das muss man aber erst einmal lernen.

Anzüge gehören ja zum Bankwesen mehr oder weniger dazu. Sieht man den Anzügen, die andere tragen, dann irgendwann automatisch ihre jeweilige Qualität an?
Ja, der Anzug gehört schon noch dazu. Aber gleichzeitig sind wir alle Individuen, und solange es dem Anlass angemessen ist, soll jeder für sich selbst entscheiden, welche Farbe oder welcher Stoff es sein soll. Das spiegelt sich auch in dem neuen Dresscode der Sparkasse wieder, der auch Business Casual bei entsprechender Gelegenheit erlaubt.

Wo werden Sie euphorisch?
Wenn ich zu einem Fußballspiel des 1. FC Köln gehe oder mit meiner Frau gemeinsam davon träume, was wir noch alles unternehmen werden oder wo wir gemeinsam noch hin wollen.

Was wären das für Träume?
Wir könnten uns in der Zukunft vorstellen, vielleicht einmal ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen, dort die Zeit zu genießen, und den normalen Tag eines Franzosen, Italieners oder eines Amerikaners zu erleben.

Und was verbindet sie mit dem 1. FC Köln?
Als Kind habe ich sogar beim FC gespielt. Aber damals konnte sich jeder anmelden und jeder wurde genommen – das war also keine sportliche Auszeichnung. Ich bin aber schon seit über 25 Jahren Mitglied und habe auch eine Dauerkarte.

Besitzen sie Bitcoins?
Nein, aber ich könnte Ihnen den Bitcoin-Kurs sagen.