Gegenwärtig scheinen in Göttingen überall neue Hotels zu entstehen. Für den Laien stellt sich die Frage, wer in all diesen neuen Häusern übernachten soll? Ist die Entwicklung also gut, oder geht sie in die falsche Richtung?

Text: Ulrich Drees | Foto: iStock

Der Standort Göttingen ist in Bewegung. Das gilt auch für die Hotelbranche. Nachdem 2016 das B&B Hotel Göttingen am Maschmühlenweg eröffnete, folgte in diesem Sommer das Hotel FREIgeist an der Berliner Straße, und das neue Holiday Inn Express an der Carl-Zeiss-Straße gleich hinter der Lokhalle wird aktuell gebaut. Doch damit nicht genug. Die FREIGEIST & FRIENDS GmbH & Co. KG plant ein Hotel und ein weiteres Projekt im künftigen SARTORIUS-Quartier an der Hannoverschen Straße, und auch das skelettierte ehemalige EAM-Gebäude an der Kasseler Straße scheint als Standort eines möglichen Hotels im Gespräch zu sein – dort liegt bereits ein Bebauungsplan vor, und es wurde bereits in Planungen investiert. Gerüchte über ein mögliches Hotel in der alten Mehle-Fabrikanlage sind inzwischen zwar eher verstummt, aber Göttingen Tourismus bestätigt regelmäßige Anfragen möglicher Investoren, die sich über Göttingens Kennzahlen informieren. Hinzu kommen ganz reale An- und Ausbauprojekte, die etablierte Häuser wie das Adesso Hotel Schweizer Hof oder das Hotel Beckmann durchführen, und auch das Freizeit In plant eine Ausweitung um ca. 120 Zimmer. Alles in allem ist laut Olaf Feuerstein, dem Geschäftsführer des Tagungshotels Freizeit In und DEHOGA-Vorsitzenden in Göttingen, inklusive der bereits verwirklichten Projekte ein Zimmerzuwachs von ca. 50 % zu erwarten.

Doch wie viele Hotels haben Platz in Göttingen? Wird es einen Verdrängungswettbewerb geben, oder gibt es wirklich so viele mögliche zusätzliche Gäste, sodass all die neuen Betten auch ausgelastet werden?

Aus Sicht der Hotellerie gibt es verschiedene Antworten auf diese Frage. Für Paul Trinczek, den Geschäftsführer des seit 1965 bestehenden Adesso Hotels Schweizer Hof an der Kasseler Landstraße, geht es angesichts der aktuellen Entwicklung für die alteingesessenen Häuser in Göttingen durchaus ums Überleben. „Wer sich bisher ausgeruht und nicht modernisiert hat“, erklärt er, „der gerät jetzt in Zugzwang, sich den neuen Wünschen der Kunden zu stellen. In der Konsequenz heißt das, entweder die Flucht nach vorn anzutreten oder zu schließen.“ Ob es aber für die Flucht nach vorn nicht schon zu spät ist, das wird sich zeigen; denn Paul Trinczek hat mit den Planungen für den aktuell bald abgeschlossenen Ausbau seines Hauses bereits vor sieben Jahren begonnen – so etwas braucht Zeit.

Für Georg Rosentreter, den geschäftsführenden Gesellschafter der FREIGEIST & FRIENDS GmbH & Co. KG, hat Göttingen hingegen sowohl, was Hotels angeht als auch in der Gastronomie, ganz klar noch Potenzial nach oben. „Der Göttinger Markt ist sehr spannend“, erklärt er. „Das Potenzial der Lage an der A7 und des ICE-Bahnhofs ist noch nicht völlig ausgeschöpft. Hinzu kommt, dass in der Stadt gerade so viel passiert. SARTORIUS baut, die Universitätsklinik baut, das Forum Wissen und das KuQua entstehen. Es geht wirklich ein Ruck durch Göttingen.“ Auch neue innovative Aushängeschilder in der Hotellandschaft spielen für ihn dabei eine wichtige Rolle, um diese Entwicklung noch zu fördern. „Das FREIgeist erfährt eine überregionale Wahrnehmung“, führt er aus. „Wir waren im Feinschmecker- und im Manager-Magazin. So etwas hilft auch Göttingen.“

„Von dieser Entwicklung profitiert in erster Linie natürlich der Kunde“, fasst Olaf Feuerstein zusammen. „Nicht sofort, aber es wird in Zukunft Saisonzeiten in Göttingen geben, wo das vorhandene Zimmervolumen zu einem Preiskampf führen wird. Das wird dann dynamisch im Markt passieren. Man muss deshalb hoffen, dass die neuen Marktteilnehmer sich darauf konzentrieren, durch entsprechendes Marketing neue Gäste nach Göttingen zu holen. Wenn alle vom gleichen Kuchen partizipieren wollen, wird es bitter.“ Für Olaf Feuerstein bildet heute ein gelungener Vertrieb über strategische Partnerschaften die wichtigste Säule jeder positiven Entwicklung. „Hier wird die Schlacht auf dem Hotelmarkt geschlagen“, kommentiert er. „Diese Form des Vertriebs muss man kennen und können, und wenn das der Fall ist, muss man akzeptieren, dass die Karten in Göttingen neu gemischt werden. Die alten Strukturen werden aufgebrochen, das bietet Chancen und Risiken und läuft keinesfalls darauf hinaus, dass nur die kleinen und nicht renovierten Häuser darunter leiden werden. Das wage ich zu bezweifeln. Gerade diese Häuser haben manchem neuen Markteilnehmer ihren gewachsenen, persönlichen Charakter voraus.“

Aktuell ist die Entwicklung auf dem Hotel-Markt jedenfalls noch nicht abgeschlossen. Das hat zwei Gründe. Die Stadt Göttingen und insbesondere die GWG GmbH für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen kommunizieren seit Jahren deutlich das Potenzial und den Bedarf für weitere Hotels in Göttingen. Zentrales Thema ist die Lokhalle und ihr Bedarf an nahe gelegenen Übernachtungsmöglichkeiten für lukrative Großveranstaltungen. Aber auch ein inzwischen überholtes Hotelgutachten, das vor einigen Jahren seitens der Stadt Göttingen in Auftrag gegeben worden war, bestätigte das Potenzial. Darin wurden drei neue Hotels für sinnvoll erachtet. Ein günstiges Hotel in der Nähe der City – das B&B Hotel Göttingen-City – wäre ein solches. Ein höherwertiges, individuelles Hotel, umgesetzt von einem regionalen Investor – das FREIgeist Göttingen –, und ein Hostel, das dem studentischen Übernachtungsbedarf entgegenkäme – das hätte in dem alten Gefängnis am Waageplatz angesiedelt werden können. Die Pläne liegen jedoch gegenwärtig auf Eis. Trotzdem kommt das BoxHotel Göttingen an der Weender Landstraße diesem Bedarf zumindest entgegen.

Dementsprechend zufrieden ist Angelika Daamen, Geschäftsführerin des Göttingen-Tourismus, mit der Entwicklung. „Wir haben lange drauf gewartet, dass sich der Hotelmarkt bewegt.“ Sie und ihre Mitarbeiter wissen, dass neue Hotels gut für die ganze Stadt sind. „Auch wenn der Effekt sich in der Gegenart abgeschwächt hat“, erklärt sie, „war es bisher immer so, dass neue Hotels auch für steigende Übernachtungszahlen sorgten. In der Tat konnte bereits 2017 ein Übernachtungsrekord verzeichnet werden, der mit einem Umsatzplus im Vergleich zum Vorjahr von 3,9 Prozent einherging, und 2018 dürfte sich dazu noch das FREIgeist Göttingen auswirken. Zu 85-90 % übernachteten dabei Gäste aus beruflichen Gründen in Göttingen, und die Auslastung der Göttinger Hotels ist mit einem Durchschnittswert von 43 % sehr gut. Dabei ist es wichtig, dass sich diese Zahl auf die vorhandenen Betten und nicht die Anzahl der Zimmer bezieht. Häufig belegt nur ein Gast ein Doppelzimmer, während große Hotels überwiegend genau diese Doppelzimmer anbieten. Es ist also tatsächlich so, dass die neuen Hotels Göttingen auch neue Gäste bringen.

Was spezifisch die Lokhalle angeht, sieht Angelika Daamen zwar nicht zwingend einen so dramatischen Bedarf wie die GWG, in deren Fokus natürlich die Lokhallen-Vermarktung steht; gegen weitere Hotelansiedlungen hätte die Göttinger Tourismus-Verantwortliche aber vermutlich nichts einzuwenden.

Ganz sicher, dass Göttingen weitere Hotels braucht, ist sich hingegen Nicole Klammer, Prokuristin und Leiterin des Veranstaltungsmanagements der GWG sicher. „Wir verlieren jährlich 15 Großveranstaltungen, weil wir nicht genügend Übernachtungskapazitäten nahe der Lokhalle anbieten können“, erklärt sie. Im Konkurrenzkampf um größere Betriebsversammlungen mit mehr als 1000 Besuchern, Messen, Tagungen und ähnlichen Events geht es tatsächlich nicht nur darum, die beste Halle zu haben, man muss auch ausreichend nahe gelegene Übernachtungsangebote vorweisen. „Unsere Kundenbefragungen sind da ganz klar“, erläutert Nicole Klammer. „Die Lokhalle wird geschätzt, aber der Mangel an Hotelbetten als Manko bewertet. Hier hat unsere Konkurrenz in den letzten Jahren gepunktet.“ Wenn Nicole Klammer manchmal bei Anfragen nur anbieten kann, Lokhallen-Besucher in Kassel oder Heiligenstadt unterzubringen, ist das „ein K.-o.-Kriterium“. Sie ist sich sicher: „Schon um den erfolgreiche Betrieb der gut ausgelasteten Lokhalle auf dem jetzigen Stand nachhaltig zu sichern, brauchen wir mehr Hotels, auch deshalb, weil wird die vorhandenen Angebote ja nicht einfach ausschließlich für die Lokhalle nutzen können. Es zählt wirklich jedes neue Bett“, betont sie und führt an, dass nicht nur die Lokhalle von vielen Besuchern profitiert, sondern auch der Einzelhandel und die Gastronomie der Stadt.

Für den Hotelier Paul Trinczek ist eine auf einen Maximalbedarf ausgerichtete Hotelansiedlung jedoch keine Lösung. „Wie viele Tage pro Jahr wird ein entsprechendes Angebot benötigt?“, fragt er und führt Hannover als Beispiel an, wo in der Vergangenheit als Reaktion auf die dortigen großen Messen, wie die Hannover Industriemesse und die CEBIT, ebenfalls viele Hotels eröffneten. „Dort gibt es ca. 40-50 Messetage. Was ist mit den anderen Tagen?“ Eine auf Spitzenbelastungen ausgelegte Hotellandschaft führt nur dazu, dass die Hotels gezwungen sind, dann doppelte Preise zu nehmen, um die Mindereinnahmen im restlichen Jahr auszugleichen. Das kann nicht im Interesse der Lokhalle sein.“ Das sieht auch Olaf Feuerstein ähnlich: „Von 365 Tagen ist Göttingen keine 50 Tage ausgebucht. Das braucht keine Investitionspanik.“

Aktuell ist die Entwicklung jedenfalls noch nicht abgeschlossen, was, wie oben erwähnt, noch einen zweiten Grund haben könnte. Auf dem internationalen Hotelmarkt sehen sich aktuell nämlich gerade viele große Markenunternehmen nach neuen Standorten um. Das liegt daran, dass zwar noch vor kurzer Zeit viele Banken dankend abwinkten, wenn es um die Finanzierung von Hotel-Neubauten oder -Sanierungen ging, anhaltende Niedrigzinsen aber heute große Investmentfonds auf den Hotelmarkt aufmerksam werden lassen, die meinen, ihren Anlegern hier noch Renditen bescheren zu können. Das führt dazu, dass auch Städte wie Göttingen, die in der Hotelbranche eher als C-Lage gelten, plötzlich für die großen internationalen Anbieter attraktiv werden, weil man an den A-Lagen, wie in Hamburg oder Berlin, längst vertreten ist und der Markt in den B-Lagen, wie beispielsweise Hannover, bereits heiß umkämpft ist.

„Nun hat die Stadt Göttingen über viele Jahre hinweg auf entsprechenden Messen diese Anbieter auf sich aufmerksam gemacht“, erläutert Paul Trinczek. „Deshalb ist es möglich, dass nicht nur Holiday Inn, deren Hotel in Göttingen von der Stadt und der GWG innerhalb der sehr kurzen Zeitspanne von nur zwei Jahren ermöglicht wurde, ein Projekt in Göttingen planen. Längst könnten noch weitere große Marken Projekte in Göttingen vorbereiten, die dann je nach Planungsstand auch realisiert werden sollen, selbst wenn das nicht immer wirtschaftlich nachhaltig sein könnte.“ Aus Sicht der Stadt Göttingen wäre die Ansiedlung internationaler Hotelmarken durchaus begrüßenswert. „Diese Ketten verfügen über sehr interessante Marketingmöglichkeiten und Netzwerke“, erklärt Angelika Daamen. „Göttingen taucht auf diese Weise auf neuen Landkarten auf. Außerdem sind viele Besucher markenaffin und setzen auf gewohnte Standards.“ Internationale Vermarktungsstrukturen zu nutzen, darauf setzt auch Georg Rosentreter. Er geht allerdings einen anderen Weg. „Das FREIgeist Göttingen hat sich erfolgreich um die Aufnahme unter die Designhotels beworben“, erläutert er. „Das ist ein echter Erfolg, weil wir uns auf diese Weise schon jetzt erkennbar Gäste erschließen, die sonst sicher keinen Halt in Göttingen eingelegt hätten.“ Auch er sieht kein Problem in der Ansiedlung einer weiteren internationalen Marke in Göttingen: „Wer werden so einfach präsenter. Es geht darum, Göttingen viel klarer auch zu einer touristischen Destination zu entwickeln.“

In einer Stadt, deren Besucher in neun von 10 Fällen aus beruflichen Gründen übernachten, mag es gewagt scheinen auf touristische Potenziale jenseits des Business-Tourismus zu setzen. Selbst die oberste Tourismusbeauftragte Angelika Daamen konstatiert, dass Göttingen insbesondere aufgrund der aktuellen Situation im Bereich der Museums- und Ausstellungslandschaft einen schweren Stand im Vergleich zu anderen Städtedestinationen hat. Für die Zukunft setzt sie daher auf die neuen Projekte Forum Wissen und Kuqua.

Göttingen, die Stadt, die Wissen schafft und Touristen lockt – das klingt zumindest nach einer spannenden Zielsetzung.

 

Hotels in Göttingen 2017 insgesamt

Hotels: 27
Einzelzimmer: 638
Doppelzimmer: 1.088
Betten: 2.797

Ankünfte und Übernachtungen 2017

(Veränderungen zu 2016)

Ankünfte: 302.389 (+5,7 %)
Übernachtungen: 522.607 (+3,9 %)
Durchschn. Aufenthaltsdauer in Tagen: 1,7
Durchschn. Auslastung  der Schlafgelegenheiten: 45 %

Auslastung der Lokhalle

93 % in 2017 (253 von 270 buchbaren Tagen)
Gesamtwertschöpfung der LOKHALLE
Göttingen 2014: 24 Mio. Euro davon 15 Mio. EURO für die Stadt Göttingen & Region.
(CIMA-Gutachten von 2014)